Therapiemanagement

Basis eines erfolgreichen Therapiemanagements ist ein individualisierter Behandlungsplan.1 Krankheitsspezifische Fragebögen ermöglichen es, die Lebensqualität und Krankheitskontrolle zu erfassen und Therapieentscheidungen zu treffen.2,3

Basis ist ein individueller Be­­hand­­lungs­­plan

Weil das Hereditäre Angioödem (HAE) eine Krankheit mit unvorhersehbaren, oft schmerzhaften und manchmal auch lebensgefährlichen Symptomen darstellt, die für Patienten und Angehörige eine enorme Belastung darstellen, sollte für alle Patienten ein individualisierter Behandlungsplan entwickelt werden. Nach den aktuellen internationalen Leitlinien der World Allergy Organization und der European Academy of Allergy and Clinical Immunology (WAO/EAACI) sollte dieser

  • auf die Bedürfnisse und die Lebenssituation der Patienten abgestimmt sein,
  • Präventionsmaßnahmen, Angaben zur häuslichen Versorgung und zur Selbstanwendung einschließen,
  • zur Bedarfs- bzw. Akuttherapie klare Anweisungen für eine effektive Notfallbehandlung beinhalten sowie
  • bei der Langzeitprophylaxe eine Medikation zur Akuttherapie im Fall von Durchbruchattacken umfassen.1

Konsens zu den Behandlungszielen beim Hereditären Angioödem (Globale Delphi-Initiative)4:

Die Delphi-Initiative wurde ins Leben gerufen, um die Ziele der HAE-Behandlung neu zu definieren.
Das Delphi-Gremium besteht aus 23 Teilnehmern, die aus 12 Ländern stammen. Sie wurden aufgrund ihrer Beteiligung an der wissenschaftlichen Forschung zum HAE oder ihrer Mitautorschaft an der jüngsten Aktualisierung und Überarbeitung der Leitlinie der World Allergy Organization / European Academy of Allergy and Clinical Immunology zum HAE ausgewählt.
Die Rücklaufquote lag bei 96 %, 91 % bzw. 83 % für die Runden 1, 2 und 3. Konsens wurde für 86 % der Aussagen erreicht (18 / 21; Runde 3). Ab 75 % Zustimmung galt ein Konsens als erreicht.

Ultimative Therapieziele im Bereich HAE

Statements, für die ein Konsens (≥ 75 % Zustimmung) erreicht wurde:

Kontrolle des HAE

  • Der Bedarf an Notfallmedikation in einem bestimmten Zeitraum sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, berücksichtigt werden. (100 %)
  • Die Anzahl der Attacken, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums auftreten, sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, berücksichtigt werden. (95 %)
  • Die Fähigkeit einer HAE-Behandlung, eine gute Kontrolle zu erreichen, kann anhand der proportionalen Reduzierung der Anzahl der Attacken beurteilt werden. (95 %)
  • Die Anzahl der Notaufnahmebesuche oder Krankenhausaufenthalte sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut unter Kontrolle ist, berücksichtigt werden. (95 %)
  • Die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage in einem bestimmten Zeitraum sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, berücksichtigt werden. (89 %)
  • Bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, sollte die Anzahl der Stunden mit Aktivitätseinschrankung in einem bestimmten Zeitraum berücksichtigt werden. (84%)
  • Keines der verfügbaren Bewertungstools ist für sich genommen ideal, um zu beurteilen, ob ein HAE gut kontrolliert ist. (84 %)
  • Der Bedarf an Notfallmedikation in einem bestimmten Zeitraum sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, berücksichtigt werden. (100 %)
  • Die Anzahl der Attacken, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums auftreten, sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, berücksichtigt werden. (95 %)
  • Die Fähigkeit einer HAE-Behandlung, eine gute Kontrolle zu erreichen, kann anhand der proportionalen Reduzierung der Anzahl der Attacken beurteilt werden. (95 %)
  • Die Anzahl der Notaufnahmebesuche oder Krankenhausaufenthalte sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut unter Kontrolle ist, berücksichtigt werden. (95 %)
  • Die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage in einem bestimmten Zeitraum sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, berücksichtigt werden. (89 %)
  • Bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, sollte die Anzahl der Stunden mit Aktivitätseinschrankung in einem bestimmten Zeitraum berücksichtigt werden. (84%)
  • Keines der verfügbaren Bewertungstools ist für sich genommen ideal, um zu beurteilen, ob ein HAE gut kontrolliert ist. (84 %)

Kontrolle des HAE, Normalisierung der Lebensqualität

  • Patienten mit HAE sollten mitentscheiden, ob ihr HAE gut kontrolliert ist oder sich ihre Lebensqualität normalisiert hat. (100 %)
  • HAE-Patienten werden von der Entwicklung neuer Bewertungstools profitieren, die ihnen bei der Beurteilung helfen, ob ihr HAE gut kontrolliert ist oder ob sich ihre Lebensqualität normalisiert hat. (89 %)
  • Ärzte, die HAE-Patienten behandeln, werden von der Entwicklung neuer Bewertungstools profitieren, die ihnen bei der Beurteilung helfen, ob ein HAE gut kontrolliert ist oder ob sich die Lebensqualität von Patienten mit HAE normalisiert hat. (89 %)
  • Patienten mit HAE sollten mitentscheiden, ob ihr HAE gut kontrolliert ist oder sich ihre Lebensqualität normalisiert hat. (100 %)
  • HAE-Patienten werden von der Entwicklung neuer Bewertungstools profitieren, die ihnen bei der Beurteilung helfen, ob ihr HAE gut kontrolliert ist oder ob sich ihre Lebensqualität normalisiert hat. (89 %)
  • Ärzte, die HAE-Patienten behandeln, werden von der Entwicklung neuer Bewertungstools profitieren, die ihnen bei der Beurteilung helfen, ob ein HAE gut kontrolliert ist oder ob sich die Lebensqualität von Patienten mit HAE normalisiert hat. (89 %)

Statements, für die kein Konsens (< 75 % Zustimmung) erreicht wurde:

Kontrolle des HAE

  • Die durchschnittliche Zeit vom Beginn der Attacke bis zum vollständigen Abklingen der Symptome sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, berücksichtigt werden. (63 %)
  • Die mittlere Länge der attackenfreien Zeit sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, berücksichtigt werden. (68 %)
  • Die durchschnittliche Zeit vom Beginn der Attacke bis zum vollständigen Abklingen der Symptome sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, berücksichtigt werden. (63 %)
  • Die mittlere Länge der attackenfreien Zeit sollte bei der Beurteilung, ob ein HAE gut kontrolliert ist, berücksichtigt werden. (68 %)

Normalisierung der Lebensqualität

  • Bei der Beurteilung, ob sich das Leben von Patienten mit HAE normalisiert hat, sollte die durchschnittliche Zeit vom Beginn einer Attacke bis zum vollständigen Abklingen der Symptome berücksichtigt werden. (53%)

Prävention – Trigger vermeiden

Eine Vielzahl von Reizen oder Situationen kann – muss aber nicht – Schwellungsattacken auslösen. Soweit möglich, sollten solche auslösenden Faktoren vermieden werden. Trigger können sein:

  • Traumata durch Operationen oder Zahnbehandlungen und Stoß oder Druck
  • östrogenhaltige Kontrazeptiva und eine Hormonersatztherapie (für manche Frauen eignen sich progesteronhaltige Kontrazeptiva)
  • hormonelle Schwankungen (z. B. während der Menstruation)
  • ACE-Hemmer und AT-II-Rezeptorantagonisten
  • Infektionen
  • psychische oder körperliche Belastungen1
  • Die meisten Attacken entstehen spontan, ohne erkennbare Auslöser.

Nach den WAO/EAACI-Leitlinien sollen alle HAE-Patienten über potentielle Trigger aufgeklärt werden.1

Regel­mäßige Evaluation der Patienten

Nach den WAO/EAACI-Leitlinien sollten HAE-Patienten von Ärzten und Zentren mit ausreichender Erfahrung in der Krankheit betreut werden. Es wird empfohlen, die Patienten mindestens einmal im Jahr zu evaluieren. Bei der Evaluation

  • sollten Art, Häufigkeit und Schwere der Symptome sowie die Häufigkeit und Wirksamkeit der Therapie erfasst werden.
  • wird eine körperliche Untersuchung und die Bestimmung der entsprechenden Blutwerte empfohlen.
  • ist auch die Option für eine Langzeitprophylaxe unter Berücksichtigung der Krankheitslast und der Präferenzen der Patienten zu evaluieren.1

Geeignete krankheitsspezifische Fragebögen können im Rahmen der Evaluation helfen, Therapieentscheidungen zu begründen und vereinfacht zu dokumentieren.2,3

Frage­bögen zur Messung von Krankheits­last und -kontrolle

Der Angioedema Quality of Life (AE-QoL) Questionnaire wurde für die krankheitsspezifische Erfassung der Krankheitslast, der Beeinträchtigung der Lebensqualität sowie derer Veränderung über die Zeit bzw. unter einer Therapie entwickelt und validiert.2

  • Der Fragebogen erfasst für die jeweils zurückliegenden 4 Wochen die vom Patienten empfundenen Auswirkungen der Krankheit mit Hilfe von 17 Fragen.
  • Daraus werden Prozentscores in 4 Domänen sowie ein Gesamtscore ermittelt. Höhere Scores bedeuten eine niedrige Lebensqualität.
  • Ab einer Veränderung von mindestens 6 Punkten im AE-QoL-Gesamtscore (Minimal Clinically Important Difference [MCID]) wird eine Verbesserung der Lebensqualität als klinisch bedeutsam eingestuft.2

Der Fragebogen kann hier Online ausgefüllt werden.

Der Angioedema Control Test (AECT) wurde für die kontinuierliche Erfassung der Krankheitskontrolle und derer Veränderung mit der Zeit bzw. unter einer Therapie entwickelt und validiert.3

  • Er umfasst 4 Fragen zu den letzten 4 oder 12 Wochen mit jeweils 5 vorgegebenen Antwortmöglichkeiten.
  • Auf einer Skala von 0 bis 16 bedeuten höhere Scores eine bessere Krankheitskontrolle. Mittels eines klaren Cut-offs gibt der AECT Auskunft darüber, ob die Krankheitskontrolle unter der aktuellen Therapie ausreichend ist.3

Der Fragebogen kann hier Online ausgefüllt werden.

Bewertungs-ToolKurzbeschreibungScoring
AE-QoL: Angioedema Quality of Life Questionnaire2

• 17 Fragen zu den letzten 4 Wochen
• 4 Domänen:
– Funktionsfähigkeit
– Erschöpfung/Gemütslage
– Angst/Schamgefühl
– Ernährung
• Skala 1-100
• Höhere Scores = niedrigere Lebensqualität / höhere Krankheitslast


AECT: Angioedema Control Test3


4 Fragen zu den letzten 4 oder 12 Wochen zu:
• Beschwerden
• Lebensqualität
• Therapieerfolg
• Bewertung der Erkrankungskontrolle


• Skala 0-16
• Höhere Scores = bessere Krankheitskontrolle
• Ein Score ≥10 bedeutet Krankheitskontrolle

Bewertungs-ToolKurz-
beschreibung
Scoring
AE-QoL: Angioedema Quality of Life Questionnaire2

Weiter zum AE-QoL
17 Fragen zu den
letzten 4 Wochen
• 4 Domänen:
– Funktions-fähigkeit
– Erschöpfung /
Gemütslage
– Angst /
Schamgefühl
– Ernährung
• Skala 1-100
• Höhere Scores = niedrigere Lebensqualität / höhere Krankheitslast
AECT: Angioedema Control Test3

Weiter zum AECT
4 Fragen zu den letzten 4 oder 12 Wochen zu:
• Beschwerden
• Lebens-qualität
• Therapie-erfolg
• Bewertung der Erkrankungs-kontrolle
• Skala 0-16
• Höhere Scores = bessere Krankheits-kontrolle
• Ein Score ≥10 bedeutet Krankheits-kontrolle

Selbst­anwendung fördern

In den WAO/EAACI-Leitlinien wird empfohlen, alle Attacken so früh wie möglich zu therapieren. Eine möglichst frühe Behandlung von Attacken hilft effektiver dabei, deren Dauer und Schwere zu verringern. Diese wird durch eine entsprechende Befähigung der Patienten zur Selbstanwendung oder betreuender Personen zur Verabreichung der Medikation erleichtert. Eine solche Befähigung unterstützt auch die Prophylaxe. Bei allen Patienten sollte daher eine Selbstanwendung oder die Behandlung durch betreuende Personen in Betracht gezogen werden. Eine Unterweisung durch medizinisch geschultes Fachpersonal ist Voraussetzung dafür.1

Alle Patienten sollten immer genug Akutmedikation mit sich führen, um zwei Attacken zu behandeln. Sie benötigen außerdem einen Notfallpass mit Instruktionen zum effektiven Management von Attacken.1

Familien-Screening notwendig

Die WAO/EAACI-Leitlinien empfehlen aufgrund der autosomal-dominanten Vererbung, dass Familienmitglieder (Großeltern, Eltern, Geschwister, Kinder, Enkel) von HAE-Patienten auf die Krankheit getestet werden. Dazu werden die Konzentration des C1-Inhibitors (C1-INH) und des Komplementfaktors C4 sowie die C1-INH-Funktion bestimmt. Dies ist notwendig, weil

  • eine späte Diagnose zu erhöhter Mortalität und gesteigerter Krankheitslast aufgrund fehlender Therapie führt und
  • bereits das erste Angioödem bei Beteiligung der Atemwege ohne geeignete Therapie tödlich sein kann.1

Unter­stützung für Ihre Patienten

Entscheidend für ein effektives Management sind darüber hinaus Tools, die Ihre Patienten bei ihrer Therapie und in ihrem Leben unterstützen.


1 Maurer M et al. Allergy 2018;73:1575-1596.
2 Weller K et al. Allergy 2012;67:1289-1298.
3 Weller K et al. Allergy. Published online 2019. DOI:10.1111/all.14144.
4 Maurer M et al. Allergy 2021; S0091-6749(21)00821-6