Therapieziele

Neue Behandlungsziele beim HAE1

Mit einem 100 %igen Konsens empfi ehlt die WAO/EAACI*-Leitlinie als Behandlungsziele:

  • eine vollständige Krankheitskontrolle zu erreichen
  • den Patient*innen ein normales Leben zu ermöglichen

(Empfehlung 13, 100 % Zustimmung, Evidenz-Level D)

Eine vollständige Krankheitskontrolle bedeutet für die Patient*innen, langfristig frei von Attacken zu sein.

Aktuell sind diese Behandlungsziele nach Ansicht der Autor*innen nur mit einer Langzeitprophylaxe zu erreichen, die HAE-Attacken verhindert und so die Krankheitslast reduziert.

Langzeitprophylaxe bei jedem Kontrolltermin evaluieren

Alle Patient*innen sollten bei jedem Kontrolltermin hinsichtlich der Langzeitprophylaxe evaluiert werden. Dabei sind folgende Kriterien bei der Beurteilung zu berücksichtigen:

  • die Krankheitsaktivität
  • die Einschränkung der Lebensqualität
  • die Krankheitskontrolle
  • die Präferenzen des/der Patient*in

(Empfehlung 14, 96 % Zustimmung, Evidenz-Level D)

Da sich diese Faktoren mit der Zeit verändern können, sollte die Evaluation für eine Langzeitprophylaxe mindestens einmal im Jahr bei allen Patient*innen erfolgen.

Das Ziel einer Langzeitprophylaxe ist, die Krankheitslast vollständig unter Kontrolle zu bringen und gleichzeitig die Last durch die Therapie so gering wie möglich zu halten.

Erstlinientherapie zur Langzeitprophylaxe mit Lanadelumab

Lanadelumab wird auf Basis der vorliegenden Evidenz als Erstlinientherapie zur Langzeitprophylaxe empfohlen.

(Empfehlung 16, 89 % Zustimmung, starke Empfehlung, Evidenz-Level A)

Der vollhumane, gegen Plasma-Kallikrein gerichtete monoklonale Antikörper wird in einer Dosierung von 300 mg alle 2 Wochen subkutan verabreicht.

Monitoring mittels krankheitsspezifischer Fragebögen

Alle Patient*innen, v. a. die unter einer Langzeitprophylaxe, sollten regelmäßig hinsichtlich der Krankheitsaktivität, Krankheitslast und Krankheitskontrolle überwacht werden, um das Therapieansprechen oder mögliche Therapieanpassungen zu dokumentieren.

(Empfehlung 19, 98 % Zustimmung, Evidenz-Level A)

Dazu wird die Nutzung krankheitsspezifischer Fragebögen empfohlen, unter anderem:

  • der Angioedema Activity Score (AAS)
  • der Angioedema Quality of Life (AE-QoL)-Fragebogen
  • der Angioedema Control Test (AECT)

Eine hohe Krankheitsaktivität geht oft mit einer niedrigen Lebensqualität einher. Aber auch Patient*innen mit seltenen Attacken können deutlich in ihrer Lebensqualität eingeschränkt sein, zum Beispiel durch die Unvorhersehbarkeit der Attacken und die daraus resultierende Angst.

Die Beurteilung der Lebensqualität, zum Beispiel mithilfe des Angioedema Quality of Life (AE-QoL)-Fragebogens, ist daher für Patientinnen und behandelnde Ärztinnen wichtig.

Integrierte Versorgung in spezialisierten Zentren

  • Alle Patienten sollten einen Maßnahmen- und Behandlungsplan erhalten. (Empfehlung 23, 98 % Zustimmung, Evidenz-Level D)
  • Zudem wird eine HAE-spezifi sche, umfassende und integrierte Versorgung für alle Patient*innen empfohlen.

Alle Patient*innen sollten von Ärztinnen und Ärzten behandelt werden, die auf HAE spezialisiert sind.

(Empfehlungen 24 und 25, jeweils 100 % Zustimmung, Evidenz-Level D).1

Konsens zu den Behandlungszielen beim Hereditären Angioödem (Globale Delphi-Initiative)2:

Die Delphi-Initiative wurde ins Leben gerufen, um die Ziele der HAE-Behandlung neu zu definieren.
Das Delphi-Gremium besteht aus 23 Teilnehmern, die aus 12 Ländern stammen. Sie wurden aufgrund ihrer Beteiligung an der wissenschaftlichen Forschung zum HAE oder ihrer Mitautorschaft an der jüngsten Aktualisierung und Überarbeitung der Leitlinie der World Allergy Organization / European Academy of Allergy and Clinical Immunology zum HAE ausgewählt.
Die Rücklaufquote lag bei 96 %, 91 % bzw. 83 % für die Runden 1, 2 und 3. Konsens wurde für 86 % der Aussagen erreicht (18 / 21; Runde 3). Ab 75 % Zustimmung galt ein Konsens als erreicht.

Ultimative Therapieziele im Bereich HAE

Prävention – Trigger vermeiden

Eine Vielzahl von Reizen oder Situationen kann – muss aber nicht – Schwellungsattacken auslösen. Soweit möglich, sollten solche auslösenden Faktoren vermieden werden. Trigger können sein:

  • Traumata durch Operationen oder Zahnbehandlungen und Stoß oder Druck
  • östrogenhaltige Kontrazeptiva und eine Hormonersatztherapie (für manche Frauen eignen sich progesteronhaltige Kontrazeptiva)
  • hormonelle Schwankungen (z. B. während der Menstruation)
  • ACE-Hemmer und AT-II-Rezeptorantagonisten
  • Infektionen
  • psychische oder körperliche Belastungen3
  • Die meisten Attacken entstehen spontan, ohne erkennbare Auslöser.

Nach den WAO/EAACI-Leitlinien sollen alle HAE-Patienten über potentielle Trigger aufgeklärt werden.3


1 Maurer M et al. The international WAO/EAACI guideline for the management of hereditary angioedema – the 2021 revision and update. Allergy 2022. Epub ahead of print. https://doi.org/10.1111/all.15214
2 Maurer M et al. Allergy 2021; S0091-6749(21)00821-6
3 Maurer M et al. Allergy 2018;73:1575-1596.